Ein jahrelanger Traum geht in Erfüllung. Schon immer wollte ich mit eigener Kraft den gleichen Weg meiner hugenottischen Vorfahren bewältigen.
Zumindest sollte ein erster Teil des insgesamt 1.300 km langen Fluchtweges von Die/Diois-Drôme in der Provence über Grenoble – Genf – Zürich – Stuttgart – Frankfurt in meine Heimat nach Louisendorf nachvollzogen werden: Nach intensiven gemeinsamen Vorbereitungen erreichten Olaf Berg aus Louisendorf und ich am Montag, dem 10. Sept. 2007,  nach einer 15-stündigen Bahnfahrt mit fünfmal Umsteigen unser Ziel bei Freunden in Die.


Insbesondere in den französischen Zügen war es nicht einfach, unsere schwer bepackten Fahrräder zu transportieren, zumal auch Reservierungen dafür nicht möglich sind!
Trotzdem fuhren wir dann nach fast zwei Stunden Wartezeit von Valence aus mit dem neuesten und angenehmsten Zug durch das mittlerweile dunkle Drôme-Tal nach Die.
Dort verbrachten wir dann die beiden ersten Nächte bei Familie Monique und Bernard Gilbaud bei bester Gastfreundschaft und liebevoller Betreuung.
Gern hätten wir diese wunderschöne Umgebung bei strahlender Sonne und ewig blauem südfranzösischen Himmel noch länger genossen.
Am folgenden Tag besuchten wir mit unseren Freunden aus Die und der Familie Paul Castelnau das kleine Dörfchen Pontaix an der Drôme. Für mich war es nämlich besonders wichtig, gerade dort die kleine Dorfkirche sowie den Friedhof aufzusuchen.

Schließlich hatte ich Heimaterde aus Louisendorf mitgebracht, um diese auf das Grab der Familie Bastet zu streuen! Dies war ein sehr bewegender Moment für mich, zumal ja dort eigentlich ein Teil meiner eigenen Wurzeln väterlicherseits beginnt.

Am gleichen Abend nahmen Olaf und ich an einem Empfang im Rathaus von Die teil. Es war eine große Überraschung für uns, so viele liebe Freunde dort zu treffen. Wir waren überwältigt von der großen Aufmerksamkeit, Liebe und gastfreundlicher Wärme uns gegenüber.

Aus meiner Sicht war dieser offizielle Empfang für uns zwei Louisendorfer Hugenotten sehr gut arrangiert und wurde durch den Vortrag der dortigen Regionalmanagerin für den neuen „Hugenotten- und Waldenser-Wanderweg“ – Frau Celine Belbeoch - besonders aufgewertet.

Schließlich waren Olaf und ich offiziell als die Ersten auf dieser geschichtsträchtigen Route unterwegs! Damit erhält unser Vorhaben auch eine politische sowie kulturell-touristische Dimension.
Trotzdem legen Frau Martin aus Pontaix wie auch ich großen Wert darauf, dass gerade die Namen unserer beiden Heimatorte Pontaix und Louisendorf in den Karten für diesen neuen Wanderweg notiert werden!
Möge sich dieser europäische Wanderweg sehr bald völkerverbindend und wirtschaftlich positiv auf alle betroffenen Regionen in Frankreich, der Schweiz und in Deutschland auswirken!
Im Rahmen dieser Feier trage ich dann auch meine Philosophie für unsere geschichtsträchtige Fahrradtour vor: „Wir sind auf dem Weg unserer Vorfahren/Ahnen, die 1685 aus Glaubensgründen von Frankreich nach Deutschland flüchteten.

Diese reformierten „Réfugiés“ verließen damals ihre Heimatstadt Die/Drôme in der Dauphiné über den Col de Menée – Grenoble – Genf  - ...  nach Deutschland.
Dort erreichten  sie dann nach ca. 1.300 km harter Entbehrungen, Krankheiten, Not und Elend im Jahre 1688 unseren Heimatort Louisendorf.
Wir sind stolz auf unsere gläubigen hugenottischen Vorfahren und wollen ihnen zu Ehren den gleichen Weg nun auch mit eigener Kraft zurücklegen.
Wir fahren aber auch für Frieden und Freiheit in Europa bzw. in der Welt sowie für die Glaubensfreiheit aller Menschen!“

Am Morgen des 12. Sept. werden Olaf und ich schon um 09.00 Uhr von Pierre Martin, Paul u. Christiane Castelnau, Monique Gilbaud, Georg und Monique .....(?) sowie einer weiteren Dame...(?) am „Place de Louisendorf“ empfangen. Den gemeinsamen Start fotografierte ein Pressevertreter (...?) aus Die.
Paul C. begleitete uns auf den ersten 10 km mit seinem fast 50-Jahre alten Fahrrad!

Georg...(?) hat uns dann freundlicherweise bis auf den Col de Menée begleitet, während seine Frau Monique und ...(?) einen Teil unseres Gepäcks mit ihrem Auto auf den Gipfel transportierten. Beide sowie auch Pierre Martin  haben uns auf den ersten 40 km ständig an jeder neuen Steigung angefeuert, mit frischem Wasser versorgt und fotografiert.
Danke dafür – es hat uns sehr geholfen!!!

Nach ca. 4 Stunden hatten wir schließlich den Col de Menée (ca. 1.400 m) erklommen. Unser Schweiß rann in Strömen und die südfranzösische Sonne hatte meine bis dahin ungeschützten Beine schon krebsrot angebrannt!

Ein regelmäßiges „Klack-Klack-Klack“ an Olafs neuem Fahrrad machte uns anfangs große Sorgen, ob er überhaupt so weiterfahren kann... Gott sei Dank hat alles dennoch bis zum Ende der Tour funktioniert.
Zu unserer Überraschung trafen wir auf dem Berg dann eine Gruppe Motorradfahrer aus unserer Heimatregion, die auf einer Tour durch die Provence waren.
Nach einer kurzen Rast mit einem wohlschmeckendem Reis-Fisch-Käse-Obst-Gericht unserer Begleiter setzten wir unsere Fahrt dann alleine fort und genossen eine wunderschöne Abfahrt bis nach Chichilianne und dann entlang der Nationalstraße 75 über VIF – nach Jarrie.

Diese erste 120 km lange Etappe endete mit Beginn der Dunkelheit am Stadtrand von Grenoble.
Danach erreichten wir ohne einen Stadtplan (!) die Familie Schleiermacher in der Nähe des Hospitals Nord gegen 21.00 Uhr.
Diese Adresse hatten wir freundlicherweise von einer Journalistin ...(?) am Abend zuvor beim Empfang im Rathaus von Die erfahren. Obwohl wir ursprünglich erst am Donnerstagabend dort eintreffen wollten, hat uns diese liebenswerte Familie bereits am Mittwochabend sehr gastfreundlich aufgenommen.

Nach einem warmen Abendessen mit Ravioli und einem kleinen Bier aus Deutschland haben beide sogar das Kinderzimmer ihrer dort schlafenden kleinen Tochter für uns freigemacht, damit wir uns in Ruhe dort von den Tagesstrapazen erholen konnten!

Die aus Deutschland stammende Almuth Schleiermacher hat uns am folgenden Morgen sogar ihr Haus allein „überlassen“, um ihre beiden Kinder zum Kindergarten zu bringen!!!
Am späten Vormittag starteten wir nun in die zweite Etappe durch das Tal der Isère parallel zur N 90 in Richtung Chambery.

In Les Marches trafen wir zufällig auf Marie Hèlene Parot, die uns eine umgebaute Papiermühle in der Nähe als mögliche Unterkunft nannte. Dabei stellte sich heraus, dass diese junge Frau im Mai diesen Jahres an einer internationalen Veranstaltung in Die teilgenommen hatte....!

So klein ist die Welt – aber so bekannt ist das Städtchen Die mit seinen völkerverbindenden Aktivitäten!
Obwohl wir uns vorgenommen hatten,  ab 17.00 Uhr täglich nach einer passenden Übernachtungsmöglichkeit Ausschau zu halten, fanden wir an diesem Abend erst sehr spät ein Restaurant in der Nähe von Apremont südlich von Chambery.

An diesem Abend haben wir dann dort unsere Wäsche per Hand gewaschen. Für Olaf war es in dieser Nacht sehr gewöhnungsbedürftig, zusammen mit einem „alten Mann“ im Ehebett eines Hotels zu schlafen....
Am Freitagmorgen entschieden wir uns wegen der sehr verkehrsreichen Straßen und fehlenden Fahrradwege zur nächsten Etappe über Chambery – Mery – Montcel – Gruffy nach Annecy zu fahren.
Korrekterweise hätte natürlich unsere authentische Tour entlang des Lac du Bourget über Seyssel nach Genf führen müssen!
Auf einer landschaftlich wunderschönen Strecke mit Mittelgebirgscharakter und Blick nach Westen auf den Lac de Bourget fanden wir wiederum rein zufällig einen kleinen Hinweis auf ein sehr abgelegenes „Gits-Hotel“ bzw. chambre de hôte, wo wir die folgende Nacht in der Nähe von Viuz la Chiesaz verbrachten.
Dies war eigentlich die beste Unterkunft während unserer gesamten Reise.

Am nächsten Morgen erreichten wir rasch die wunderschöne Stadt Annecy und genossen den traumhaften Park mit angrenzendem Lac de Annecy.
Auch hier trafen wir auf eine deutschsprechende junge Familie aus dem Schwarzwald, die uns Besonderheiten dieser Stadt sowie die besten Radwege in Richtung Genf erklärte.
Über Cruseilles hinaus nutzten wir die Landstraße D 15 über la Muraz und dann hinab nach Annemasse bei Genf.
Nach stundenlanger Tour über einsame Bergstraßen mit Blick auf den Mont Blanc nach Südosten hin brach nun plötzlich der totale Samstagnachmittagsverkehr dieser Genfer Vorstadt über uns herein – es war schrecklich laut. Schnell trieb es uns nach Norden Richtung Südufer des Genfer Sees. Ohne vorher Schweizer Franken eintauschen zu können, überfuhren wir dann beiläufig eine Straßenquerung mit Schweizer Nationalfahne...
Nun galt es wiederum, sehr schnell eine Übernachtungsmöglichkeit zu finden, zumal es bald Abend wurde!
Nach vielen vergeblichen Versuchen fanden wir jedoch ostwärts von Genf bei Choulex einen „Nobel-Bauernhof“ mit einer letzten Chance, im neu ausgebauten Dachgeschoss übernachten zu können. Da dieser Bauer jedoch gerade eine große Hochzeitsfeier auf seinem Hof ausrichtete, gab es keine Möglichkeit, dort auch essen zu können.
Sehr gern hätten wir natürlich vom Hochzeitsbraten mitgenossen...!

Die für Olaf und mich zu hohen Menü-Preise in einer nahegelegenen Gaststätte waren der Grund, dass wir sehr schnell wieder mit unseren Rädern ins Städtchen fuhren und dort auch satt wurden.
Am folgenden Sonntagmorgen führte uns die letzte Etappe dann entlang des Südufers des Genfer Sees durch ein üppiges Millionärsviertel zu Stadtmitte, wo wir eine 130m hohe Wasserfontäne bewundern konnten.
Nachdem uns dort eine deutschsprechendes Paar nach einem Stadtplan fragte, stellte sich rasch heraus, dass wir einen sehr guten gemeinsamen Bekannten zu Hause in Frankenberg hatten...
Am Sonntagnachmittag sollten nun die letzten 60 km unserer Tour immer eng am Nordufer des Genfer Sees - teilweise auf dem gut ausgebauten „Jacobspfad“ - nach Lausanne folgen.
Nach einer Stunde Fahrt in immer noch glühender Sonne trafen wir bei einer kurzen Rast auf eine Picknick-Gruppe, die uns liebevoll mit allen köstlichen Leckereien aus ihrem Essens-Korb bewirtete. Auch hier war sehr schnell ein herzlicher Kontakt wegen des Textes meiner immer wieder vorgezeigten „Tourphilosophie“ hergestellt. Es war erstaunlich, wie viele Menschen während unserer Tour das Schicksal der Hugenotten kannten und deshalb auch sehr interessiert Anteil an unserem Vorhaben nahmen.

Das nächste Ziel war der Ort Nyon, wo wir beide als fußballbegeisterte Freunde am Haus der UEFA (europäische Fußballunion) Halt machten.
Mittlerweile konnte ich die heiße Sonne nicht mehr ertragen – beide Waden waren blutrot verbrannt und schmerzten mich so sehr, dass dies dann auch ein Grund werden sollte, mit Olaf am nächsten Morgen ab Lausanne nach Hause fahren zu wollen.

Die letzte Nacht verbrachten wir in einem „Formule un-Hotel“ am Nordrand von Lausanne.
Ein sehr freundlicher „Chef“ stellte uns bereitwillig ein etwas größeres Behinderten-Zimmer zur Verfügung, damit wir auch unsere beiden Fahrräder im gleichen Raum sicher abstellen konnten!
Noch immer hatte ich mich nicht entschieden, ob ich meine Reise fortsetzen wollte. Schließlich war es ja mein Ziel gewesen, die deutsche Grenze am Bodensee noch zu erreichen. Ebenso war die Vorgabe meiner lieben Frau, nicht ohne Begleiter zu fahren...

Kraft und psychische Verfassung waren noch für mindestens weitere 400 km vorhanden...
Es folgte für mich deshalb eine unruhige Nacht bei tropischen Temperaturen im Hotelzimmer.

Erst am nächsten Morgen in der Warteschlange vor dem Schalter im Bahnhof von Lausanne entschied ich mich zur gemeinsamen Heimfahrt.
Wir hatten bis dahin wunderschöne, emotionale Erlebnisse – stets das beste Wetter – immer einen Schutzengel zur rechten Zeit!
Warum sollte ich nun das Schicksal unnütz herausfordern?

Nun bleiben noch ca. 800 km Hugenotten-Fluchtweg zumindest für mich eine lohnende Herausforderung ab 2008.


Karl-Heinz Bastet, Oktober 2007. 



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