Als es losgehen sollte, merkte ich, dass der „Pfad“ erst im Aufbau begriffen ist.
Ein Pilgerweg beginnt ja immer vor der eigenen Haustüre und Frankfurt liegt am „Pfad“. Allerdings konnte ich nicht alles, hin und her und zurück zu Fuß wandern, sondern fuhr etappenweise auch mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Im barocken Bad Karlshafen, dem nördlichsten Ziel- und Ausgangspunkt, besuchte ich das Deutsche Hugenottenmuseum. Von dort führen schöne Wanderwege an der Weser entlang nach Süden zu den Waldensergründungen Gewissenruh und Gottstreu, wo typische, schöne Waldenserkirchen und das Waldensermuseum stehen. In Hofgeismar nahm ich in der Ev. Akademie an einer Tagung zum Thema „Migration“ teil. An der Neustädter Kirche, an der Pfr. David Clément wirkte, steht sein Denkmal. Ein malerischer Weg führt nach Carlsdorf, wo ich die Hugenottenkirche, eine typische Fachwerkkirche, besuchte, ebenso in Schöneberg und Kelze.

Die Karlskirche in Kassel erreichte ich erst nach der Werktagsöffnung. Da erklang plötzlich vom Turm das Glockenspiel und erfüllte mich mit großer Freude: Es war also noch jemand in der Kirche! So konnte ich  sie doch noch besichtigen und ein stilles Dankgebet sprechen. Marburg, Herborn und andere Orte am Weg musste ich diesmal „überspringen“.

Die Friedrichsdorfer Hugenottenkirche ist ein schön erhaltenes Beispiel französisch-reformierten Kirchenbaus in Hessen. Das Hugenotten-Museum im Philipp-Reis-Haus ist sehenswert.
In Bad Homburg steht die ehemalige franz.-ref. Jakobskirche. Ich ging auf dem Hölderlinpfad nach Dornholzhausen zur schmucken Waldenserkirche. Beim Sonntagsgottesdienst sah ich auf der alten Holzkanzel das Bild einer Taube mit Ölzweig mit der Unterschrift „Je trouve ici mon asyl“ (Hier finde ich meine Zuflucht).

Der Fußweg zur Evang. Französisch-Reformierten Gemeinde in Frankfurt am Main führt ungefähr am „Hölderlinpfad“ entlang.  Hier  erlebte ich den monatlichen französischsprachigen Gottesdienst mit vielen aus Afrika stammenden Menschen statt. Von Frankfurt am Main ging ich zum Goetheturm im Stadtwald. Von dort geht der Weg über die Oberschweinstiege nach Neu-Isenburg. Hier, in der Kirche am Markt, werden die reformierten Traditionen hochgehalten,  das Gesangbuch mit dem Genfer Liedpsalter. Auf dem Weg nach Walldorf sah ich auch die Proteste gegen die erneute Erweiterung des Rhein-Main-Flughafens. In Offenbach besuchte ich die ev.-französisch-reformierte Kirche, die einmal im Monat den Gottesdienst mit der Geistig-Behinderten-Seelsorge feiert. Die Kirche beeindruckt durch ihre barocke Fassade und ihren schlichten, historischen Zentralraum.

Eine lohnende Station ist die ehemalige Residenzstadt Darmstadt, in deren Schloss die Entscheidungen fielen, Hugenotten und Waldenser auch hier in der Landgrafschaft aufzunehmen. Ich besuchte die Stadtkirche.
In der Evangelischen Sonntagszeitung wurde meine nächste Station in Ober-Ramstadt / Wembach folgendermaßen erwähnt „der neue europäische Kulturwanderweg, der mehr als 1800 Kilometer den Spuren der protestantischen Glaubensflüchtlinge – Hugenotten und Waldenser – folgt, ist noch nicht einmal ausgeschildert, da sitzt schon der erste Wanderer im Sonntagsgottesdienst in Ober-Ramstadt / Wembach.“
In der Tat, das war ich! Nachmittags besuchte ich den Friedhof in Rohrbach, man ist dort stolz auf eigene Traditionen und viele französische Zunamen. Das örtliche Waldensermuseum im Schulhaus ist gerade im Aufbau begriffen.
Weiter ging’s in Baden-Württemberg, wo wieder Waldenser-Gründungen zu erwandern sind.

Ich kam durch die Melanchthon-Stadt Bretten zum Melanchthonhaus. Der Reformator hat sich persönlich beim französischen König Franz I. am 25. Mai 1541 um die Freilassung von wegen ihres Glaubens verfolgten Waldensern in der Provence eingesetzt.

In Großvillars besuchte ich den Friedhof. Viele Grabsteine tragen französische Namen und das Waldenser-Wappen. Hier steht die Waldenser-Kirche in dem historischen T-förmigen Straßennetz an zentraler Stelle. Fast gerührt wurde ich durch die Straßennamen „Villar-Perosa-Str.“ und „Piemont-Str.“.

In Ötisheim lief ich zunächst zur ev. Pfarrkirche St. Michael und konnte am öffentlichen Teil der Sitzung des Kirchengemeinderates teilnehmen. Ich sah die Bibliothek des Henri-Arnaud-Hauses, das Waldenser-Museum und die Henri-Arnaud-Kirche. In Schönenberg sollten die Waldenser für die Seidenraupenzucht aus ihrer Heimat den Maulbeerbaum einführen. Das rauere Klima und wohl auch mangelnder Wille verwehrte jedoch einen Erfolg. Dürrmenz ist keine Neugründung: Die Waldensersiedlung wurde hier an eine bestehende Siedlung angegliedert. Dennoch blieb die Trennung zwischen alteingesessener Bevölkerung und den Neuankömmlingen lange erhalten. Von der dann doch gelungenen Integration zeugen bis heute die gleichförmigen, giebelständigen Häuser, die piemontesische Sorte der Apfelbäume und der auch mir zu jedem Beilagensalat gereichte Kartoffelsalat: Die Waldenser waren es, die von Genua und dem Piemont die Kartoffel nach Deutschland mitbrachten!

In Pinache steht die älteste erhaltene deutsche Waldenser-Kirche, erbaut 1721. Sie ersetzte ein baufällig gewordenes Holzkirchlein. Es ist ein schlichtes Bauwerk, ohne Bilder und Statuen, auf einem einfachen Holztisch wird die aufgeschlagene Bibel gezeigt. Die Kanzel befindet sich zentral in der Mittelachse des Raumes. Dank der herzoglichen Privilegien erhielten die Waldenserdörfer große Eigenständigkeit. Zusammen mit dem Patois oder Welsch als Umgangssprache und dem Französischen in Schule und Kirche, erschwerte ihnen dies den Umgang mit ihren deutschen Nachbarn und drängte sie in eine eher nachteilige Isolation.  Im Erlass vom 19. September 1823 wurde der Gebrauch der französischen Sprache in Kirche und Schule von nun an verboten. Damit war auch für Pinache und Serres die Union der Reformierten und Lutherischen Kirche amtlich vollzogen.

Stuttgart bot sich als Station an, weil die Herzöge von Württemberg auf vielerlei Weise Einfluss auf die Geschicke der Waldenser (und Hugenotten) nahmen. In der ev. Stiftskirche sind ihre eindrucksvollen Grabepitaphien zu sehen,  ich nahm am Mittagsgebet teil. Die Leonhardskirche ist die Stuttgarter „Vesperkirche“ für Arme und Obdachlose und könnte für manche Wanderer und Pilger interessant werden. Auf dem Kirchberg, einem Tagungshaus der Ev. Landeskirche in Württemberg, hielt ich einige Tage inne und nahm an den Tagzeitengebeten teil.
Der Besuch in den hessischen und württembergischen Waldenser- und Hugenottengemeinden lag jetzt hinter mir: Über Schaffhausen kam ich nach Zürich, wo ich das Großmünster besuchte, an dem Zwingli wirkte. Pilgerzentrum ist hier die reformierte St. Jakobskirche. In Zürich gibt es eine französisch-reformierte Gemeinde, sowie auch eine italienischsprachige Waldensergemeinde. In den Jahren 1930-1943 spielte sie eine wichtige Rolle bei der Unterstützung der italienischen antifaschistischen Kräfte. Darüber hinaus hat sie geistlich und moralisch Unterstützung für Generationen von Einwanderern geleistet und so die Integration in die Schweizer Gesellschaft gefördert. Nachmittags war ich zu Gast beim Frauenverein.

Ein für die Schweizerische Ökumene und das Pilgern wichtiger Ort ist die Klause des Nikolaus von Flüe im Ranft, einer unwegsamen Schlucht. Oberhalb liegt das Haus Sankt Dorothea, in dem ich einkehrte. „Die Schweizer Riviera“ wird die Region zwischen Montreux und Vevey gern genannt. Die kilometerlange Uferpromenade bietet eine herrliche Aussicht.

In Montreux liegt die evang.-reformierte Kirche Saint-Vincent, hoch auf einer Felsenterrasse. Schon vor dem Jahr 1000 stand hier eine Kirche. Der Heilige Vinzenz ist der Schutzpatron der Weingärtner. 1536 wurde hier die Waadtländische Reformation eingeführt.

Über Nyon kam ich zur Jugendherberge in Lausanne, eine Stadt, die auf einem Berge liegt, ähnlich wie Genf,. Zunächst gelangte ich zu der evang.-reformierten Kiche Saint-Francois. Hier wurde in einem sehr gut besuchten Abendgottesdienst der 800jährige Jahrestag der Berufung des Franz von Assisi begangen. Am nächsten Morgen nahm ich um 7.30 Uhr am Morgengebet in der Kapelle der Märtyrer der thebäischen Legion in der Kathedrale der Oberstadt teil. Das „Bunte Portal“ ist reich mit Skulpturen biblischer Gestalten. Im Kantonal-Museum der Schönen Künste hängt das bekannte Gemälde „Das Massaker der Bartholomäusnacht“ von Francois Dubois. Wer auf dem Hugenotten- und Waldenser-Pfad unterwegs ist, sollte sich das ansehen.

Auf dem Weg nach Prangins hatte ich immer eine wunderbare Aussicht auf den Genfersee. Der einzige Fußgänger weit und breit lächelte zwar freundlich, sprach aber weder Französisch, Italienisch, noch Deutsch oder Englisch. „Tamil“ sagte er. Ich kam zum „Temple protestant“, der Kirche von  Prangins, ausgestattet mit einer sich automatisch öffnenden Türe. An der Mauer rechts vor der Kirche erinnert eine Tafel an Emilie von Nassau, Prinzessin von Portugal, seit 1627 Herrin von Schloss Prangins und ihre Tochter Maria-Belgia. Interessant für mich, der ich aus der Evangelischen Kirche in Hessen-Nassau komme! Das Schweizerische Nationalmuseum „Chateau de Prangins“ ist umgeben von Parks, Obst- und Gemüsegärten. Es arbeitet mit anderen Organisationen an der Erforschung und Erhaltung der Artenvielfalt der Kartoffel als Kulturpflanze, bei deren Verbreitung auch die Waldenser und Hugenotten ja eine wichtige Rolle spielten. Im Dachgeschoss des Museums wird thematisiert, dass Hunderttausende auswanderten, bevor die Schweiz selbst zum Einwanderungsland wurde.

Weiter führt der Weg Richtung Strandpromenade Promenthoux. Dort steht, direkt vor der See-Badeanstalt, vor einem überwältigenden See und Gebirgspanorama, das Waldenser-Monument. Der Obelisk auf dreieckigem Grundriss erinnert an folgendes Datum: Am 16. August 1689 sammelten sich an dieser Stelle „nach dreijährigem Aufenthalt in diesem gastfreundlichen Landstrich“ vertriebene Waldenser, um von hier wieder zurückzukehren in ihre piémontesischen Täler. Das abenteuerliche Unternehmen gelang und wurde als Glorreiche Rückkehr bekannt.

In der Genfer Vorstadt Paquis steht die altehrwürdige Kirche Saint-Gervais, dort war ich zum Abendmahlsgottesdienst. In der Stadt Calvins ist die Welt zu Hause. Als europäischer Standort der UNO, Hauptsitz des Internationalen Roten Kreuzes/Roter Halbmond und des Ökumenischen Weltrates der Kirchen wird Genf auch die „Hauptstadt des Friedens“ genannt. Ein erhebender Anblick ist es, auf Genf und die Kathedrale Saint Pierre  zuzuwandern. Am Sonntag Morgen kurz vor 10 Uhr strömen einige Menschen auf das Gotteshaus zu. Das Siegel für meinen Pilger-Pass bekomme ich auch hier in der Kathedrale, wie in jeder kleinen Dorfkirchengemeinde!

Die Genfer Protestantische Kirche setzt sich sehr engagiert für die Rechte von Flüchtlingen und Roma-Sippen ein.
In Genf besuchte ich auch die Italienische Evangelische Waldensergemeinde in Genf. Sie feiert ihre Gottesdienste im Auditorium Calvins, im Wechsel mit der schottisch- und der niederländisch-reformierten Gemeinde. Viele reformatorisch gesinnte Italiener fanden in Genf Asyl. Anlässlich des 17. Februars 1848, dem Freiheitstag der piemontesischen Waldenser, wird auch in der Genfer Waldensergemeinde ein Festgottesdienst gefeiert. In der Deutschschweizer Reformierten Kirchgemeinde, der Madeleinekirche Genf, war ich eines Mittags zum „Gemeinsamen Essen in froher Gemeinschaft“ im Gemeindehaus gegangen. Meist ältere Menschen saßen bei einem mehrgängigen Menu beisammen und hießen mich als Fremden, als Pilger, willkommen. Es gab Waadtländische Spezialitäten. Sehr sehenswert ist auch das neue Internationale Museum der Reformation in Genf. In Château d’Oex machte ich auf dem Rückweg Station. Just auf dem letzten Stück vor der Jugendherberger übersah mich eine Autofahrerin und fuhr so dicht an mir vorbei, dass ihr Aussenspiegel meinen Unterarm streifte. Sie brachte mich ins Krankenhaus, wo ich einen Gipsverband bekam. Da dies am Aschermittwoch geschah, konnte ich nun in der Passionszeit das Leiden der Ausgestoßenen, der Hugenotten und Waldenser und die eigene Gebrechlichkeit meditieren.

Am nächsten Morgen besuchte ich die evangelisch-reformierte Kirche Chateau d’Oex, in deren Chorraum man ein großes Leidens-Gemälde sieht: Mühselige und beladene Bauern und Landarbeiter sind auf einem gelben, ausgedörrten Boden zu sehen. Vom Gekreuzigten sieht man nur die Füße. Ihm zu Füßen sitzt eine verzweifelte Maria Magdalena. Dieses Passionsbild beeindruckte und berührte mich, mit dem am Vorabend ge-brochenen Arm, tief. 

Die Waldenser Täler des Piémont kenne ich durch mein Auslandsvikariat und alljährliche  Pfarrervertretung „wie meine Westentasche“. Auch auf der französischen Seite, der Heimat der Hugenotten, war ich schon. Nun habe ich immerhin vom umgedrehten Ypsilon des Hugenotten- und Waldenser-Pfades den langen Arm zwischen Bad Karlshafen und Genf „abgeklappert“. Die fehlenden Etappen will ich aber gern nachholen, wenn Gott will und wir leben! 
  
Ludwig Schneider, Pfarrer
Frankfurt am Main

 

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