Die Gedanken der Reformation Martin Luthers konnten sich nach dem Wittenberger Thesenanschlag 1517 auch in Frankreich ausbreiten. Die französische Reformbewegung war bestimmt durch den Humanisten Faber Stapulensis (1455-1536) in Paris, den Bischof von Meaux Guillaume Briçonnet (1470-1534) und Guillaume Farel (1489-1565) aus Gap in der Dauphiné. Da der französischen Reformation zunächst eine überragende Führerpersönlichkeit fehlte und die französische Krone an der alten katholischen Lehre festhielt, blieben die so genannten luthériens oder bibliens von Anfang an eine Minderheit. Die französischen Könige Franz I. (1515-1547) und Heinrich II. (1547-1559) ließen die Befürworter der Reformation als Ketzer verfolgen, die Hugenotten genannt wurden.


Der französische Reformator Calvin


Erst Calvin (1509-1564) gelang es, den Fortbestand der evangelischen Bewegung in Frankreich mit seinen Schriften und mit seinem unermüdlichen Einsatz für die Hugenotten in seiner Heimat Frankreich zu sichern.
Calvin, 1509 in Noyon in der Picardie geboren, studierte in Paris, Orléans und Bourges Jura und Theologie. Er schloss sich um 1533 der Reformation an und wurde 1536 von Guillaume Farel zur Einführung der reformatorischen Lehre in Genf gewonnen.

Sein Engagement galt der Ausbreitung der reformierten Lehre sowie der Kirchenorganisation. In Genf etablierte Calvin in der neu gegründeten reformierten Kirche eine strenge Kirchenzucht, die dem Aufbau der Gemeinden dienen sollte. Mit einem Gutachten wurde Calvin mitschuldig am Feuertod des nach Genf gekommenen spanischen Philosophen und Arztes Michael Servet (1511?-1553), der die Dreieinigkeit Gottes leugnete und deshalb als Ketzer sterben musste.

Das geschichtliche Bild Calvins ist freilich von der Polemik seiner Gegner verzeichnet worden. Tatsächlich war Calvin ein beliebter Lehrer der studentischen Jugend Europas in der neu entstandenen Genfer Akademie. Vor allem war er ein Seelsorger von hoher Autorität für die hugenottischen Märtyrer in Frankreich. Seine Briefe, mit denen er sie getröstet hat, sind erhalten geblieben. Sie offenbaren eine tiefe Menschlichkeit. Es lohnt sich, sie zu lesen, um den anderen Calvin kennen zu lernen.

Der Genfer Reformator hat sich auch literarisch für die Glaubensfreunde in der französischen Heimat eingesetzt. In seinem Widmungsschreiben an König Franz I. von Frankreich, dem er sein theologisches Hauptwerk, die Institutio Christianae Religionis 1536 übersandte, trat er als scharfsinniger und wortgewaltiger Anwalt für den reformierten Glauben ein. Sein vordringliches Ziel war die Rehabilitierung der verfolgten Glaubensbrüder.
Leider blieb der Appell an den französischen König ungehört. Die Krone setzte die Repressalien gegen die reformierten Christen in Frankreich fort.
Von Genf aus versuchte Calvin kontinuierlich auf die politische Entwicklung in Frankreich Einfluss zu nehmen. Er korrespondierte mit den Hugenottenführern Louis de Condé (1530-1569) und Gaspard de Coligny (1519-1572) und er entsandte seinen Vertrauten Theodor Beza (1519-1605) zum Religionsgespräch von Poissy, das im September 1561 auf Initiative der Regentin Katharina von Medici stattfand, jedoch ergebnislos abgebrochen wurde.

An der ersten Synode der Hugenottengemeinden Frankreichs 1559 in Paris konnte Calvin nicht teilnehmen. Er war aber der geistige Vater des dort verabschiedeten Glaubensbekenntnisses (confession de foi) und der Kirchenordnung (discipline ecclésiastique), die er mit seinen schriftlich fixierten Ratschlägen für Kirchen- und Sittenzucht vorbereitet hatte. Mit diesen beiden Dokumenten war die Weiterführung der Reformation zur reformierten Glaubensrichtung innerhalb des französischen Protestantismus abgeschlossen.


Glaubensbekenntnis und Kirchenordnung

Artikel 29 des hugenottischen Glaubensbekenntnisses (confession de foi) sagt:
Was die wahre Kirche angeht, so glauben wir, dass sie geleitet werden muss nach der Ordnung, die unser Herr Jesus aufgerichtet hat,  das ist: dass es Pastoren, Vorsteher und Diakone geben muss, damit die reine Lehre ihren Lauf hat, die Fehler gebessert und unterdrückt werden und dass die Armen und alle anderen Heimgesuchten in ihren Nöten unterstützt und die Versammlungen zur Erbauung für Groß und Klein im Namen Gottes gehalten werden.

Im Unterschied zur lutherischen Kirche ist das Leitungsamt der reformierten Gemeinden in Frankreich dreigefächert: Kirchenälteste (anciens) leiten die Gemeinde, Diakone (diacres) sorgen für die Armen und Kranken und Prediger (pasteurs) verkündigen das Evangelium von Jesus Christus.

Die Prediger der Hugenottengemeinden haben nach Artikel 30 der confession de foi dasselbe Ansehen und die gleiche Macht unter einem einzigen Haupt, einzigen Herrn und einzigen allgemeinen Bischof, Jesus Christus, und aus diesem Grunde darf keine Gemeinde irgendeine Obergewalt oder Herrschaft beanspruchen.

Diese Worte enthalten eine klare Absage an jede kirchliche Hierarchie und ein Bekenntnis zur synodal aufgebauten Kirche ohne Bischof: Die Keimzelle jeder Gemeinde ist die Familienhäupterversammlung. Aus den Familien bildet sich die Gemeinde. Damit die Gemeinde nicht in der Vereinzelung bleibt und eigene Wege geht, ist sie eingebunden mit den Nachbargemeinden in der Provinzialsynode, die von einem für jede Sitzung neu zu wählenden Moderator geleitet wird (Amt auf Zeit). Die Delegierten der Provinzialsynoden wählen die Nationalsynode in Paris.


Der hugenottische Gottesdienst


Der sonntägliche Gottesdienst ist der Mittelpunkt des hugenottischen Gemeindelebens und im Gottesdienst wiederum die Predigt über einen biblischen Text. Die Bibel ist die Richtschnur aller Wahrheit. Nach dem 2. Gebot biblischer Zählung gilt das Bilderverbot weiter: Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen, weder von dem, was oben im Himmel, noch von dem, was unten auf Erden, noch von dem, was im Wasser unter der Erde ist (2. Mose 20,4). Deshalb waren und sind die reformierten Christen gegen Gottes- und Heiligenbilder in den Kirchen und im Gottesdienst.
Die Gottesdienste haben eine schlichte Liturgie. Neben der Predigt des Pfarrers stehen Gebete und das Singen von Psalmen im Vordergrund. Der Vorsänger leitete den Gemeindegesang. Eine Orgel gab es zunächst nicht.

Da für die Hugenotten das biblische Israel Vorbildcharakter hatte, war auch das Gesangbuch des Alten Testaments, die 150 Psalmen, für ihren gottesdienstlichen Gesang richtungweisend. Um die Psalmen den Menschen ihrer Zeit näher zu bringen, erfolgten gereimte Umdichtungen in die jeweilige Landessprache. Einer der Schöpfer des Hugenottenpsalters war der französische Dichter Clément Marot (1497-1544). Der erste calvinische Psalter entstand 1539 und wurde in Straßburg gedruckt. Im Jahr 1562 wurde das protestantische Psalmenbuch vollendet durch die Vereinigung von 49 Psalmen Marots mit 101 Psalmen, die Theodor Beza übersetzt hatte. Diese Sammlung der Psalmen wurde international verbreitet und in 22 Sprachen übersetzt. In Deutschland setzten sich die Psalmenübersetzungen des Lutheraners Ambrosius Lobwasser (1573) und des Reformierten Matthias Jorissen (1798) durch.

An der Stelle eines Altars gab es in den reformierten Kirchen in Frankreich und später auch in den hugenottischen Zufluchtsländern einen Abendmahlstisch. Zum Abendmahl wurden nur Gemeindeglieder zugelassen, die nach den Regeln der strengen reformierten Kirchenzucht würdig waren und eine Abendmahlsmarke (mereau) erhalten hatten. Im Unterschied zur lutherischen Kirche, die von der realen Präsenz Christi im Abendmahl ausging (das ist mein Leib) betonte Calvin für das Abendmahl die Gegenwart Jesu Christi im Heiligen Geist. Am Ende des Gottesdienstes wurde die Gemeinde mit dem Segen entlassen und der Aufforderung, die Armen nicht zu vergessen.


Acht Hugenottenkriege

Die inzwischen trotz der Verfolgungen durch die Unterstützung des Königreichs Navarra und eines Teils des Adels in Frankreich erstarkten Hugenotten schlossen sich um 1560 zu einer politischen Partei zusammen. Den Widerständen der katholischen Gegenpartei der Herzöge von Guise versuchten sie mit einer eigenen Armee zu begegnen. Die Hugenotten erhielten auch deutsche Unterstützung vor allem durch Reitertruppen.
In acht Kriegen in Frankreich wurde zwischen der Krone und der Partei der Guise sowie den Truppen der Hugenotten mit äußerster Härte und mit wechselndem Kriegsglück gekämpft. Die Auseinandersetzungen begannen 1562 mit dem Überfall auf einen reformierten Gottesdienst in der Scheune von Vassy in der Champagne durch den Herzog von Guise und endeten mit der Befriedung des Landes durch das von König Heinrich IV. erlassene Edikt von Nantes 1598.


Die Bartholomäusnacht

Ausgerechnet in dem wirtschaftlich und kulturell fortschrittlichen europäischen Land Frankreich fand der erste Pogrom der Neuzeit, die Pariser Bluthochzeit der Bartholomäusnacht statt. Im Morgengrauen des 24. August 1572 läutete die Sturmglocke der Pariser Kirche Saint-Germain l'Auxerrois das Morden ein. Es starben ca. 2.000 Hugenotten in den Häusern und Straßen der Hauptstadt, in den anschließenden Wochen ca. 10.000 Hugenotten in anderen Städten Frankreichs. Soldaten des Herzogs Heinrich I. von Guise (1550-1588, genannt le balafré, der Narbige), Pariser Hilfstruppen und das unzufriedene Hauptstadtproletariat waren die Ausführenden. Im Hintergrund hatten außenpolitische Gründe zu dem Morden geführt.

Dem Anführer der Hugenotten, Admiral Gaspard de Coligny, der das Vertrauen des jungen und schwachen Königs Karl IX. (1550-1574) besaß, war die katholische Partei zu mächtig geworden. Als Coligny den König für eine Hilfsexpedition in die Niederlande gegen das katholische Spanien gewonnen hatte, versuchte Philipp II. von Spanien mittels eines gedungenen Mörders Coligny zu beseitigen. In einem Attentat am 22. August 1572 wurde der Hugenottenführer aber nur leicht verletzt. Jetzt ging die prospanische katholische Partei aufs Ganze. Die durch große Sommerhitze, Wassermangel und soziale Spannungen auf Siedehitze gereizte Stadtbevölkerung konnte für das Morden gewonnen werden.

Die Mordtruppen standen unter dem Kommando des Herzogs Heinrich von Guise. Zuerst wurde Coligny in seinem Haus in der heutigen Rue de Rivoli, ca. 400 Meter vom Louvre entfernt, enthauptet. Seine Mörder warfen den Leichnam aus dem Fenster auf die Straße, wo Heinrich von Guise seinen Tod konstatierte. Die entfesselte Menge ermordete die Hugenotten Sie waren nach Paris zu den Hochzeitsfeierlichkeiten des Hugenotten Heinrich von Navarra mit der Königstochter Margarete von Valois gereist. Von dem Massaker wurden wegen ihres hohen Ranges Heinrich von Navarra und Heinrich von Condé (1552-1588) verschont.
Am 26. August 1572 übernahm König Karl IX. in einer Erklärung die Verantwortung für die Mordtat.

Die Drahtzieher waren jedoch das katholische Spanien, der Herzog Heinrich von Guise (1550-1588) und eine katholische Kirche, die alles stillschweigend duldete. Papst Gregor VIII. (1502-1585) ließ in Rom sogar eine Siegesmedaille mit der Aufschrift prägen: Niedermetzelung der Hugenotten (Ugonottorum Strages 1572) und gab bei dem bedeutenden italienischen Renaissancemaler Giorgio Vasari (1511-1574) ein Historienbild in Auftrag, das noch heute als dreiteiliges Fresko in der Sala Regia des Vatikans in Rom zu sehen ist. Diese Bilder des Schreckens feiern den Triumph der vorgeblich gerechten Sache.

Dem Morden in Paris folgten Massaker in vielen Städten des Landes, u. a. in Orléans, Meaux, Bourges, Albi, Rouen im September; in Toulouse, Gaillac und Bordeaux im Oktober. Deshalb hat der französische Historiker Jules Michelet mit Recht festgestellt: Die Bartholomäusnacht war nicht nur ein Tag, es war eine Saison.

Die politischen Auswirkungen der Bartholomäusnacht waren eher nachteilig für die Anstifter. Das Morden in Paris löste europaweites Entsetzen aus.


Vom Edikt von Nantes 1598 zum Edikt von Fontainebleau 1685

Durch seine Stellung in der Erbfolge des französischen Königsthrons wurde Heinrich von Navarra 1593 als Heinrich IV. zum König von Frankreich gekrönt. Seinen protestantischen Glauben musste er aufgeben. Paris ist eine Messe wert sollen seine Worte gewesen sein. Er setzte sich jedoch weiter für seine Glaubensfreunde ein.

Das von Heinrich IV. 1598 in Nantes erlassene Edikt gab den reformierten Christen in Frankreich erstmals eine Grundlage für ein relativ unbedrohtes Leben und eine bedingt freie Religionsausübung. Das Edikt sollte ewige Gültigkeit haben, die Hugenottenkriege dauerhaft beenden und den inneren Frieden in Frankreich wiederherstellen. Es war der schriftliche Ausdruck eines Kompromisses zwischen der katholischen Staatsreligion und der Konfession einer bedeutenden Minderheit in der Bevölkerung.

95 Artikel des Edikts sichern den Hugenotten die reformierte Religionsausübung im privaten Bereich und öffentlich in den von ihnen militärisch beherrschten Städten zu. Eine Amnestie für vergangene Unrechtstaten wird ausgesprochen. Die Protestanten werden zu Staatsämtern zugelassen. Für die Ausbildung reformierter Prediger dürfen Akademien eingerichtet werden. In katholischen Gebieten, am königlichen Hof und in der Hauptstadt Paris darf der reformierte Gottesdienst dagegen nicht ausgeübt werden (Art.13). Auch den Katholiken im Königreich werden Zugeständnisse gemacht.

Das Edikt von Nantes hatte keinen dauerhaften Bestand. Nach dem Tod Heinrichs IV. durch Mörderhand (1610) und dem Fall der protestantischen Seefestung La Rochelle 1628 unter Ludwig XIII. (1601-1643), gerieten die Hugenotten, die einen Staat im Staate gebildet hatten, immer stärker in Bedrängnis. Die Zahl der Verbote für Beruf, Gottesdienst, öffentliches Wirken und Familienrecht nahm zu, besonders nach dem Regierungsantritt Ludwigs XIV. im Jahr 1643. Die von 1643 bis 1680 sich ausweitenden Einschränkungen der religiösen Freiheit der Hugenotten und die Dragonaden, die Einquartierung von Dragonern als gestiefelte Missionare des Königs in den Häusern der bekehrungsunwilligen Protestanten, wurden immer unerträglicher.

Den Schlusspunkt in dieser Kampagne gegen die Hugenotten bildete das Edikt von Fontainebleau, das Ludwig XIV. am 18. Oktober 1685 im Königsschloss Fontainebleau südlich von Paris proklamierte.  Eigentlich verfolgte Ludwig XIV. (1638-1715), der Enkel Heinrichs IV., das gleiche Ziel wie sein Großvater: Er wollte als absolutistischer Herrscher sein nach wie vor zerrissenes Volk einigen. Im Gegensatz zu Heinrich IV. wollte er dieses Ziel durch Abschaffung der Rechte der protestantischen Minderheit und ihre Rekatholisierung erreichen. Seine Devise lautete: Une foi, une loi,  un roi (ein Glaube, ein Gesetz, ein König).

Der Text des Edikts von Fontainebleau mit nur 11 Artikeln widerrief die Bestimmungen des Edikts von Nantes und regelte im Einzelnen:
Die Zerstörung aller reformierten Kirchen im Lande und das jetzt für alle Orte des Königreichs gültige Gottesdienstverbot (1-3), die Aufforderung an die reformierten Prediger, sich zur katholischen Religion zu bekehren oder Frankreich innerhalb von 15 Tagen zu verlassen; aber auch die Zusage einer Erhöhung ihres Gehaltes um ein Drittel und weitere Vergünstigungen für die zur Bekehrung bereiten reformierten Prediger, so das Angebot ihrer Umschulung zu Juristen (4-6), katholische Zwangstaufe und katholische Erziehung für die bisher reformierten Kinder, sowie das Verbot von reformierten Schulen in Frankreich (7-8), das ausdrückliche Verbot für die Hugenotten, das Land zu verlassen, und die Zusage an die Reformierten, die vor Erlass des Edikts das Königreich verlassen hatten, nach Abschwörung ihres Glaubens innerhalb von vier Monaten nach Frankreich unter Wiedereinsetzung in alle Rechte und mit Erstattung ihres Besitzes zurückkehren zu dürfen (9-10), das Versprechen für die in Frankreich bleibenden Protestanten, im Land zu leben, ohne Nachteile wegen ihrer vorgeblich reformierten Religion zu haben, wenn sie nicht öffentliche Gottesdienste etc. veranstalten, ... bis es Gott gefällt, sie wie die übrigen zu erleuchten (11).

Der Artikel des Edikts von Fontainebleau, das den französischen Protestanten so nachdrücklich die Auswanderung verbot, konnte ca. 170.000 Hugenotten nicht daran hindern, ihre geliebte Heimat zu verlassen und in die umliegenden Länder zu fliehen.


Die reformierte Kirche in Frankreich nach 1685

Nach der Aufhebung des Edikts von Nantes durch das Edikt von Fontainebleau hatten die Hugenotten den letzten Freiraum zur Ausübung ihrer Religion im eigenen Lande verloren.

Von den geschätzten 800.000 Hugenotten, die 1670 vor der Eroberung des Elsass durch Ludwig XIV. unter ca. 19 bis 20 Millionen Katholiken in Frankreich lebten, traten die meisten nach 1685 als Neukonvertierte der katholischen Kirche bei. Eine kleine Zahl von ihnen überlebte als Kirche der Wüste (église du desert) im Untergrund alle Verfolgungen, geführt von Antoine Court (1695-1760), dem Prediger der Wüste. Er gründete 1727 im schweizerischen Lausanne eine Ausbildungsstätte für die illegalen reformierten Prediger in Frankreich. Der andere bekannte Prediger der Wüste Paul Rabaut (1718-1794) kämpfte leidenschaftlich um die Duldung der Hugenotten. Er setzte sich insbesondere für die durch ihr résister (Widerstehen) bekannt gewordene hugenottische Bekennerin Marie Durand (1711-1776) ein, die 1768 nach 38-jähriger Haft den Tour de Constance in Aigues-Mortes verlassen durfte. Er kämpfte auch für die Aufklärung des an dem Toulouser Kaufmann protestantischer Herkunft Jean Calas verübten Justizmordes, dessen Tod durch Rädern und Verbrennung der Leiche auf dem Scheiterhaufen 1762 Europa erschütterte. Auch der Philosoph Voltaire wurde zum Fürsprecher der Familie Calas und forderte den Sieg der Toleranz in Frankreich. In Deutschland hat der Berliner Graphiker hugenottischer Abstammung Nikolaus Daniel Chodowiecki (1726-1801) der unglücklichen Familie Calas ein bleibendes künstlerisches Denkmal gesetzt.

In den Camisardenkriegen von 1702-1704/10 leisteten zahlreiche, in den protestantischen Cevennen verbliebene Hugenotten unter ihrem Anführer Jean Cavalier (1681-1740) den königlichen Regimentern erbitterten, aber letztendlich erfolglosen Widerstand. Die Aufständischen wurden von jungen Frauen, so genannten Prophetinnen, begleitet.

Ein Ende der langen Leidens- und Verfolgungszeit der Protestanten in Frankreich kam 1787, als Ludwig XVI. von Frankreich (1754-1793) mit dem Toleranzedikt von Versailles allen Hugenotten in seinem Königreich bürgerliche Anerkennung zugestand. Religionsfreiheit erhielten sie 1789 durch die Deklaration der Menschenrechte der Französischen Revolution, die 1804 im Code Napoléon untermauert wurde.
Der heutigen kleinen, aber einflussreichen reformierten Kirche in Frankreich gehört etwa ein Prozent der Gesamtbevölkerung an.

Im Zweiten Weltkrieg haben sich viele Protestanten in Frankreich der politischen Widerstandsbewegung Résistance angeschlossen. Nach 1945 hat der französische Pfarrer Marc Boegner (1881-1970) im ökumenischen Kontext der Weltkirchen seine Stimme für den französischen Protestantismus geltend gemacht und im eigenen Land die Zusammenarbeit der reformierten und lutherischen Protestanten gefördert. Aus den Bemühungen Boegners ist die Fédération protestante de France (F.P.F.), ein Zusammenschluss aller Protestanten im Lande, entstanden. Sichtbarer geistlicher Höhepunkt der reformierten Christen in Frankreich ist der jährliche Gottesdienst in der Wüste, der Zehntausende am ersten Sonntag im September in Mialet in den Cevennen versammelt.

In den letzten Jahrzehnten hat die Landflucht in den protestantischen Hochburgen Südfrankreichs zu starken Mitgliederverlusten der dortigen Gemeinden geführt.