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30 Jahre Europäische Kulturrouten - Jakobswege, Martinusweg Via Sancti Martini und Hugenotten- und Waldenserpfad feierten am 26. Oktober 2017 gemeinsam in Kraichtal- Gochsheim

Jakobswege, Martinusweg Via Sancti Martini und Hugenotten- und Waldenserpfad feierten am 26. Oktober 2017 gemeinsam in Kraichtal-Gochsheim

Vor 30 Jahren wurden die Jakobswege nach Santiago di Compostela als erste Europäische Kulturroute durch den Europarat ausgezeichnet.

Der Europarat hat die zertifizierten Kulturrouten in diesem Jahr aufgetragen, dieses Jubiläum in die Öffentlichkeit zu tragen und zu würdigen. Die Europäische Kulturroute „Hugenotten und Waldenserpfad" hat daher den Anstoß gegeben, in Kraichtal-Gochsheim eine Feierstunde zu diesem Anlass zu begehen. Die Vertreter der Martinusgesellschaft und der Jakobswege kamen schnell überein, diese Idee einer gemeinsamen Feierstunde umzusetzen.

Ausgewählt wurde der Ort Kraichtal-Gochsheim, weil sich hier sich die drei genannten Europarat-Kulturrouten räumlich zusammenfinden:

  • die Jakobswege nach Santiago di Compostela, die aus vielen Ländern Europas in die spanische Pilgerstadt führen, wo der Apostel Jakobus begraben liegt und die im Kraichgau mit mehreren Jakobsstationen vertreten sind,
  • der Martinusweg „Via sancti Martini", der den Spuren des Heiligen Martin von seinem Geburtsort in Ungarn bis nach Frankreich in die Stadt Tours zu seinem Grab folgt, und
  • der Hugenotten- und Waldenserpfad, der auf den Spuren der protestantischen Glaubensflüchtlinge von Frankreich und Italien bis zur Spitze Nordhessens führt.

Mit großzügiger Unterstützung der Stadt Kraichtal konnte am 26. Oktober 2017 die geplante Feierstunde in schöner Atmosphäre im Bürgerhaus Gochsheim begangen werden.

Etwa 40 Personen aus der näheren und weiteren Umgebung waren der Einladung gefolgt. Der stellvertretende Bürgermeister der Stadt Kraichtal, Herr Alfred Richter eröffnete die
Veranstaltung und begrüßte die Gäste im Namen der Stadt Kraichtal. In seiner Ansprache wies er auf die Verschiedenheit der drei Routen hin, die die kulturelle Vielgestaltigkeit Europas verdeutlichen und drückte seine Hoffnung aus, dass Frieden und Einigkeit in Europa auf der Basis eines gemeinsamen Kulturerbes dauerhaft bestehen bleibt.

Frau Ministerialrätin Dr. Birgitta Ringbeck als Vertreterin des Auswärtigen Amts Berlin und gleichzeitig Repräsentantin der Europäischen Kulturrouten in Deutschland erläuterte im Anschluss die Inhalte und Ziele der Philosophiedieses Europarat-Projekts.

1987 wurden die Jakobswege vom Europarat als erste Europäische Kulturroute ernannt. In den Folgejahren wuchs die Zahl der anerkannten Routen kontinuierlich an, so dass 1998 das
Institut der Europäischen Kulturrouten in Luxemburg gegründet wurde, um die Anerkennung, Betreuung und Fortbildung der Kulturrouten zu professionalisieren und qualitativ zu sichern. Seit 2010 sichert ein Teilabkommen zwischen dem Europarat und einer großen Zahl von EU-Ländern die Finanzierung dieser Arbeit.

Das Kulturrouten-Programm des Europarats (http://culture-routes.net) sieht sich als Wegbereiter für die europäische Einheit. Es verfolgt das Ziel, den Erlebniswert des gemeinsamen Kulturraums "Europa" sichtbarer, wertvoller und lebendiger zu machen. Damit verbunden ist die Förderung eines nachhaltigen Kulturtourismus. Gegenwärtig gibt es 33 Kulturrouten in Europa, 26 verlaufen auch durch Deutschland, 5 davon haben ihren Hauptsitz in Deutschland.

Frau Dr. Ringbeck brachte ihre Anerkennung zum Ausdruck, dass die drei Kulturrouten als Veranstaltungsträger mit der Jubiläumsveranstaltung das europäische Kulturerbe gemeinsam präsentieren und verdeutlichte gleichzeitig, dass Europäische Kultur nicht in und mit gedruckten Programmen , sondern nur durch die Aktivität der Menschen vor Ort lebendig werden kann.

Ein kurzer Film über die Werte und Ziele der Europäischen Kulturrouten rundete die Worte der Vertreterin der Bundesregierung aus Berlin ab.

Nach einer stimmungsvollen Musikeinlage durch ein Trompetensextett der Kunst- und Musikschule Kraichtal unter Leitung von Hermann Stiegeler präsentierten sich die drei europäischen Kulturrouten.

Herbert Hunkel, Bürgermeister der Hugenottenstadt Neu-Isenburg und Vorsitzender des deutschen Trägervereins „Hugenotten- und Waldenserpfad" e.V., verwies darauf, dass zu dem 30jährigen Jubiläum der Einrichtung „Europarat-Kulturrouten" drei Routen mit ganz eigener Geschichte und Thematik zusammengefunden haben:

Die Routen „Jakobswege" und „Martinusweg "VIA SANCTI MARTINI"" sind mittelalterliche Pilgerwege, die bis in die Anfänge des Christentums in Europa zurückreichen. Der Hugenotten- und Waldenserpfad dagegen ist ein Weg, der an ein ganz anderes Kapitel der Kirchen- und Religionsgeschichte in der frühen Neuzeit anknüpft. Er folgt den Spuren der Flucht protestantischer Christen vor der staatlich-katholischen Obrigkeit aus Frankreich und Italien und ihren Weg nach Deutschland.

Bei aller Verschiedenheit verkörpern die beiden Pilgerwege und der historische Fluchtweg gemeinsam die tiefe Glaubensbindung der Menschen, und sie führen dazu alle drei durch mehrere europäische Länder und verbinden diese miteinander. Herr Hunkel, der gleichzeitig auch auf die vielfältigen und großen Anforderungen hinwies, denen sich unsere Gesellschaft heute wiederum mit der aktuellen Flüchtlingssituation gegenübergestellt sieht, appellierte daran, die eigenen Wurzeln zu erkennen und auf dieser Grundlage die Gegenwart zu gestalten und die Zukunft zu gestalten. Er unterstrich abschließend, wie großartig es sei, dass heute drei so verschiedene historische Wege gemeinsam und über alle religiösen Unterscheide hinweg das vielfältige Kulturerbe Europas präsentieren.

Achim Wicker, Geschäftsführer der St. Martinusgesellschaft in Rottenburg, berichtete über den Werdegang des Martinuswegs und dem Netzwerk „Orte des Teilens", das die Pilgeraktivitäten auf dem Weg aktiv unterstützt. Inzwischen wurde ein großer Teil der europäischen Wegstrecke des Martinuswegs von Ungarn bis Baden-Württemberg in offizieller Mission bewandert, die weiteren Strecken bis zum Zielort Tours in Frankreich werden folgen. Herr Wicker unterstrich vor allem die große Gastfreundschaft, die den Pilgern auf ihrem Weg besonders in Ungarn entgegengebracht wurde und auf die europaverbindende Idee des Pilgerns auf dem Martinusweg. Dann stellte er den „Martinusmantel" vor: ein einfaches Gewand aus grobem Rupfen, deren eine Hälfte mit kleinen Taschen versehen ist, die auf der Strecke mit den unterschiedlichsten Gaben gefüllt werden: schriftliche Botschaften und Wünsche, Blumensamen, Pflanzen und anderes mehr. Dieser Mantel hat als Zeichen der Nächstenliebe und des Miteinanderteilens die Pilger bisher begleitet und wird diese Aufgabe auch bis zum Ziel des Martinuswegs in Frankreich erfüllen. Zum Martinusmantel gehört auch der Martinswecken, der zwischen den Pilgern und den Menschen am Weg geteilt wird – ein schöner alter Brauch, der das Miteinander fremder Menschen ausdrücken kann und von den Gästen der Veranstaltung gerne angenommen und praktisch eingesetzt wurde.

Doris Ebert aus Lobenfeld berichtete von den historischen Spuren der mittelalterlichen Jakobswege im Kraichgau. Wichtig war ihr zum einen die Tatsache, dass die Jakobswege nicht geplant wurden, sondern dass die Menschen damals alle vorhandenen Wege und Strassen nutzten, um nach Santiago zu kommen, sie stiegen sozusagen vor ihrer Tür in den Pilgerweg ein. Auch verdeutlichte sie die vielen Überschneidungen insbesondere zur Geschichte des Heiligen Martin.

Der Jakobsweg ist in diesem Teil des Kraichgaus noch nicht als festgelegte und markierte Wander- und Pilgerroute existent, sondern es gibt vielmehr mehrere „Jakobsstationen", zu denen weiterer Forschungsbedarf besteht. Frau Ebert führt hierzu historische Recherchen im Kloster Lobenfeld durch. Der Jakobsweg im Kraichgau ist folglich ein Pilgerweg, der viele Wegeoptionen von einer zur anderen Jakobsstation zulässt und damit der historischen Situation in der Region sehr nahe kommt. Eine markierte und festgelegte Jakobsroute gibt es bereits im nördlichen Kraichgau bei Sinsheim.

So konnte abschließend festgestellt werden, dass sich in Gochsheim zwei markierte Kulturrouten und ein „Wegbündel" mit Zugehörigkeit zur Kulturroute der Jakobswege treffen.

Deutlich wurde in allen drei Beiträgen, dass die Philosophie der europäischen Kulturrouten mit enger lokaler und regionaler Vernetzung und viel örtlichem Engagement lebendig umgesetzt wird.

Nach abschließendem Musikbeitrag durch das Trompetensextett der Kunst- und Musikschule Kraichtal gab es in dem angenehmen Ambiente des Bürgerhauses Gochsheim noch viele Informationen, Gespräche und Kontakte der Gäste untereinander.

30.10.2017 Dr. Renate Buchenauer, Hugenotten- und Waldenserpfad


Hier der Bericht als pdf (472kB)